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Rückblick: BetonLEBEN


Schlicht & Ästhetisch

Als Baustoffe des 20. Jahrhundert bezeichnet, haftet Beton graue und kalte Anonymität an. Anfang des neuen Jahrtausends gehört dies der Vergangenheit an:  denn Beton ist lebendig und ermöglicht kreative Architektur mit ausdrucksstarker Ästhetik. Durch die zahlreichen betontechnischen Innovationen und die Veredelung der Oberflächen wird Beton zum Designbaustoff. Mit seiner zeitlosen Schlichtheit bietet er viele Möglichkeiten, um im Innen- sowie auch im Außenbereich Anwendung zu finden.

Am 15.06.2016 haben wir uns dem Thema BetonLEBEN gewidmet und zeigten Ihnen an Hand von praxisbezogenen Beispielen Beton als Baustoff in seiner Anwendung.

Nach der Begrüßung und den einleitenden Worten von Annette Müller von der Architektenkammer Rheinland-Pfalz präsentiert uns Frau Dipl.-Bauing. (FH) Nadine Bressler von PLANFAKTUR ARCHITEKTEN & INGENIEURE aus Montabaur, den Neubau des Präsentations- und Verwaltungsgebäudes von ABI-Beton.
Die ABI-Beton GmbH & Co. KG aus Andernach ist einer der erfahrensten Hersteller von hochwertigen Filigrandecken, -wänden und Betonfertigteilen. Somit war es natürlich Grundvoraussetzung, dass im neuen Präsentation- und Verwaltungsgebäude die im eigenen Werk produzierten Betonfertigteile verbaut werden sollten.
Neben Beton wurden im Inneren Holz und für die Fenster-, Türen- und Fassadenelemente eloxiertes Aluminium verwendet. Um der schlechten Akustik von Sichtbeton entgegenzuwirken, wurden in den Holzeinbauschränken Akustikelemente eingebaut.
Die Beheizung der Räume, außer WC-Anlagen und Treppenhäuser, erfolgt über eine oberflächennahe Betonkernaktivierungsdecke. Bei dem System werden Kunststoffrohre in die Fertigdecke einbetoniert. "Warmes" Wasser durchfließt diese  und beheizen so das Gebäude. Im Sommer wird kühles Wasser aus dem Erdreich durch das Kühlsystem gepumpt, der Beton speichert wie im Winter die Wärme bzw. die Temperatur und die Räume werden so gleichbleibend heruntergekühlt. 
Die Wände sind spezielle Thermowände, die als Fertigteile aufgestellt und vor Ort mit Beton ausgegossen wurden.
Da das Gebäude mit Sichtbeton ausgeführt wurde, kamen auch die sogenannten "Betonkünstler" zum Einsatz.

Im Anschluss stellte uns Herr Dipl.-Ing. Architekt BDA Michael Christl von Christl + Bruchhäuser GmbH Freie Architekten BDA aus Frankfurt ein eher "zufälliges" Sichtbetongebäude, die Mensa Gymnasium Haßlochvor.
Das Baugrundstück für die neue Mensa des Gymnasiums liegt zwischen einer Turnhalle und einer Realschule, eingebettet in einem Wohngebiet mit Einfamilienhäusern und einem Gewerbegebiet. Um die heterogene Nachbarbebauung im Gebäude aufzunehmen, plante man einen großen Raum mit einer weitüberspannten Faltwerk-Betondecke ohne Stützen. Da Haßloch aber im Rheingraben und somit in einer Erdbebenzone 1 liegt, musste ein alternatives Konzept für einen großen Raum ohne Stützen gefunden werden. Man entschied sich für fünf ineinander verschobene Gebäudeteile mit geneigten Dächern, wodurch auch gleichzeitig eine natürliche Belichtung durch Oberlichter möglich wurde. Der hauptsächlich verwandte Baustoff neben Titanzink für die Außenfassade ist im Innenraum Beton. Eigentlich sollte die Betonfläche der Betonqualität SB1 verputzt werden, Herr Christl schlug aber dem Bauherrn schon während der Bauphase vor, darauf zugereichten, da nach der Ausschalung eine interessante und abwechslungsreiche Oberflächenstruktur zu sehen war. Dies sparte nicht nur knapp 33.000 € sondern gab dem Raum eine einzigartige Atmosphäre. Die "zufällige" Sichtbetonwand ist das Zentrum der Mensa und entfaltet eine ungeheure Kraft im Raum. Herr Christl beendete seine Vortrag mit den Zitat seines Mitarbeiters Herr Jörg Henzel der für diesen Abend nicht treffender formuliert hätte werden können: "Beton ist lebendig geformter Raumklang".

Frau Dipl.-Ing. Architektin BDA Angela Fritsch von ANGELA FRITSCH ARCHITEKTEN BDA aus Seeheim-Jugenheim zeigte uns an Hand der Internationalen Schule Seeheim-Jugenheim ihre Herangehensweise und Verarbeitung des Baustoffes Beton als gestalterisches Element.
Der fünfeckige Neubau der Internationalen Privatschule mit farbenfroher Fassade fügt sich wie ein Gelenk in den Gebäudebestand des öffentlichen Schuldorfs Bergstraße ein. Neben dem Haupteingang vernetzen drei weitere Eingänge mit Wegen das Gebäude mit den Pausenhöfen des Schuldorfs, um so eine Kommunikation herzustellen.
Der dreigeschossige Baukörper wird gebildet aus einem in den Hang eingeschobenen massiven Sichtbeton-Sockelgeschoss und einem schwebenden zweigeschossigen gläsernen Körper. Die fünf Seiten der Obergeschosse stehen für die fünf Kontinente. Vertikale Lamellen sind einseitig mit Farben der olympischen Ringe in Anlehnung an die aus allen Kontinenten der Welt stammenden Schüler belegt. Das Gebäudeinnere ist mit Sichtbeton (SB4) und Weiß zurückhaltend gestaltet, Farbe und Leben soll hier durch die Kinder und Lehrer herein gebracht werden.
Die Unterrichtsräume sind ringförmig um ein großzügiges Atrium angeordnet. Erdgeschoss und erstes Obergeschoss sind über eine Sitzstufenanlage verbunden, so ist hier ein multifunktionaler Erschließungs-, Lern- und Lebensraum entstanden. Genutzt wird dieser Raum nicht nur von der Schule selbst, sondern von allen Einrichtungen des gesamten Schuldorfs und darüber hinaus auch von der Gemeinde für Theater- Spiel- und kulturelle Veranstaltungen sowie Podiumsdiskussionen und Festen. 
Das Gebäude ist in Passivhausbauweise errichtet, die  Zuluft der Lüftungsanlage wird über einen Erdkanal vorkonditioniert. Die Thermik des Atriums und die Bauteilaktivierung der Betondecken, -brüstungen und -treppen sorgen auf natürliche Weise für ein angenehmes Raumklima. Die großzügige Verglasung der Klassenräume reduziert die Kunstlichtnutzung auf ein Minimum, ebenso die pneumatischen Luftkissenkonstruktion des Atriums. Der Primärenergieinhalt dieser weitgespannten Luftkissenkonstruktion ist im Vergleich zu einem Glasdach tausendfach geringer.

Später wurde bei Brezeln und Wein auf dem "Platz der Architekten" des Zentrums Baukultur Rheinland-Pfalz weiter über den oft "umstrittenen" Baustoff Beton diskutiert.

Wir bedanken uns bei den zahlreichen Besuchern für die vielen netten Gespräche und danken vor allem Frau Bressler, Frau Fritsch und Herrn Christl für die interessanten und spannenden Vorträge.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen beim nächsten ArchitekturLEBEN . Rhein-Main.

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